Christen aus dem Nahen Osten

von Christof Beckmann

Montag, 13.03.2017

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Bittere Informationen aus dem Nordirak: Yoanna Petros Mouche, syrisch-katholischer Erzbischof von Mossul, mit Caritas-Mann Rudi Löffelsend (links), Foto: KIP

Heute vor vier Jahren wurde Papst Franziskus gewählt: Er setzt seitdem viele Zeichen - auch über seine Monatsvideos, in denen er seine besonderen Anliegen um die ganze Welt schickt. In diesem Monat ist es die Situation von verfolgten Christen weltweit ...

INFO: Von den vormals bis zu 1,5 Millionen Christen im Irak sind bis heute rund 1 Million - erst unter Saddam Hussein, dann vor dem IS - geflohen. Der weitaus größte Teil ist über die ganze Welt zerstreut, das jahrtausendealte kulturelle Erbe des christlichen Orients steht vor der Vernichtung. Doch die im Irak verbliebenen Christen wollen nicht aufgeben: Sie hoffen auf die vollständige Befreiung von Mossul vom „IS“ und ihre Rückkehr. „Wir wollen unsere christliche Kultur, Liturgie und Sprache leben, dazu brauchen wir Menschen, die zurückkehren“, erklärte Yoanna Petros Mouche (74), syrisch-katholischer Erzbischof von Mossul, bei einem kürzlichen Besuch in Essen. Das gelte für syrisch-katholischen Christen, aber auch für auch Assyrer, Chaldäer und andere christliche Minderheiten. Mouche ist langjähriger Partner der Caritas-Flüchtlingshilfe Essen (CFE), berichtete über die Situation in seiner Heimat, traf seine Exilgemeinde in Essen, den Essener Bischof Franz-Josef Overbeck und den Bürgermeister von Altena. Von dort reiste er weiter nach Holland und Italien, um weitere Verbündete für sein Anliegen zu gewinnen.

Neben dem IS und einer Gefahr vor allem aus den Reihen der Sunniten bereitet dem Kirchenmann derzeit auch das Erstarken der islamischen Gruppierung Shabak Sorgen. Sie hätten im Gebiet von Karakosch und Bartela südlich von Mossul mit Unterstützung der irakischen Zentralregierung, aus dem Iran und von Kurden die Häuser und Grundstücke geflohener christlicher Familien niedergebrannt, aufgekauft oder besetzt. Er hofft auf die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft für eine von Christen selbstverwaltete Region im Nordirak und appelliert an die EU und Amerika, Schutz und Sicherheit für Rückkehrer in der Region zu gewährleisten, in der es weder Wasser, Straßen, Strom noch Schulen gibt. Bei den Bestrebungen, die Region in verschiedene Provinzen für Sunniten, Schiiten und Kurden aufzuteilen würden Christen nie erwähnt, berichtete Erzbischof Mouche. Viele Flüchtlinge wollten zurückkehren, hielten sich aber noch sehr zurück.

Petros Mouche wurde 2011 Erzbischof von Mossul, sein Vorgänger war entführt und 2008 die Bischofskirche und das Bischofshaus gesprengt worden. Der Sitz des Erzbischofs wurde 20 Kilometer westlich in die christliche Stadt Karakosch verlagert, die 2014 ebenfalls vom IS überrollt wurde. 50.000 Christen flüchteten in einer Nacht mit dem Bischof in die Ninive-Ebene oder nach Kirkuk und später nach Erbil und in die umliegenden Orte des irakischen Kurdengebietes. Von dort aus versucht der Bischof, seine auf rund 27.000 Gläubige geschrumpfte Gemeinde zusammen zu halten. Die meisten sind nach Europa oder Amerika geflüchtet. Allein in der Stadt Essen gibt es unter insgesamt 4.000 neuen Christen aller Konfessionen inzwischen eine syrisch-katholische Exilgemeinde mit ca. 500 Gläubigen.

Christen im Irak: Der Irak zählt zu den ältesten Siedlungsgebieten des Christentums, dessen Ursprünge im Zweistromland bis auf den heiligen Apostel Thomas zurückgeführt werden. Im irakischen Kernland stellten Christen vor der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert die Bevölkerungsmehrheit. Ihr Anteil nahm danach immer weiter ab. Trotzdem genossen die Christen unter dem Regime von Saddam Hussein vergleichsweise große Freiheiten. Die größte Gruppe unter den zahlreiche Konfessionen bildeten die mit Rom unierten Kirchen, darunter die katholischen Chaldäer mit früher rund 200.000 Mitgliedern. Daneben gibt es Katholiken des armenischen, lateinischen, byzantinischen und syrischen Ritus, Altorientalen (Assyrer, Armenier, Syrisch-Orthodoxe), orthodoxe Christen sowie Protestanten.
Hunderttausende flohen nach dem Beginn des Irakkrieges 2003 vor wachsender Diskriminierung, Anschlägen und Entführungen nach Syrien, Jordanien, Libanon oder in den Westen – ein Exodus, der sich nach den Verfolgungen durch die Terrorgruppe „Islamischer Staat/IS“ verstärkte. Die verbliebenen Christen leben vorwiegend in der Hauptstadt Bagdad und im kurdisch besiedelten Norden. Ihre Situation sei dramatisch, unterstrich am 9. März der Ständige Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf, Erzbischof Ivan Jurkovic. Im gesamten Nahen Osten seien in den vergangenen Jahren Millionen Menschen aus ihrem angestammten Land vertrieben worden. Die übrigen lebten unter permanenter Bedrohung und Repressionen. Zahllose Kirchen und alte Kultstätten aller Religionen seien zerstört worden.

Caritas-Flüchtlingshilfe Essen / CFE: Der syrisch-katholische Erzbischof von Mossul ist langjähriger Partner der CFE im Nordirak. Seit 2007 hat die CFE seine Gemeinden in der Ninive-Ebene oft besucht und dort anfangs Soforthilfen in Form von Bargeldauszahlungen an Bedürftige geleistet. Mit Hilfe von Spenden konnte die CFE mit 100 Containern das „Flüchtlingsdorf Ruhrgebiet“ für jesidische Flüchtlinge errichten, inklusive Bäckerei und Handwerkerstraße, zudem Lebensmittel, Brennstoff, Bekleidung an Geflüchtete aus Karakosh verteilen, die in der autonomen Region Kurdistan Zuflucht gefunden haben. Die CFE wird ab dem Sommer 2017 ihren Schwerpunkt auf Wiederaufbaumaßnahmen in Karakosch lenken. Seit 2007 haben die Caritas im Ruhrbistum und die CFE für Hilfen im Irak rund drei Millionen Euro an Spenden einsetzen können.
Kontakt: Caritas-Flüchtlingshilfe Essen e.V., Elisenstraße 13, 45139 Essen, Tel. 0201 / 3200331, E-Mail: info@fluechtlingshilfe.com, Vorstand: Jan Jessen, Markus Kampling, Rudi Löffelsend. Spendenkonto: Bank im Bistum Essen, DE45 3606 0295 0000 1026 28.
Das Büro im Gebäude des Caritas-Stadtverbandes Essen, Niederstr. 12-16, ist grundsätzlich dienstags bis freitags von 10 bis 15 Uhr besetzt: Elisenstraße 13, 45139 Essen, Tel. 0201 / 3200331.
Das Begegnungszentrum in der Elisenstraße 13 ist montags bis donnerstags von 10 bis 16 Uhr und freitags von 10 bis 14 Uhr besetzt, Tel. 0201 / 50756754 erreichbar.
Das Möbellager hat für die Abgabe an Flüchtlinge dienstags und freitags von 15 bis 17 Uhr geöffnet (Anfragen an das Büro in der Niederstraße unter Tel. 0201 / 3200331). Abgabe erfolgt nur an erwachsene Flüchtlinge, die erstmalig eine eigene Wohnung in Essen beziehen oder seit höchstens drei Monaten in dieser Wohnung gemeldet sind. Zum Nachweis sind neben dem Mietvertrag die Ausweispapiere vorzulegen, aus denen die Anzahl der gemeldeten Familienmitglieder hervorgehen. Gefragt ist alles – aus Gründen der Kapazität können allerdings Spielzeug, Bücher etc., aber auch Kleiderspenden nicht angenommen werden.
Für die Beratung (Deutsch und Englisch sowie in Grundzügen Spanisch und Französisch. Dolmetscher für Arabisch sind in der Regel vor Ort) ist persönliche Vorsprache erforderlich. Öffnungszeiten: Mo 10-12, Di 14-18, Mi 14-16, Do 11-14, Fr 10-12 Uhr.
Kostenlose Sprachkurse für Anfänger und Fortgeschrittene finden zu verschiedenen Zeiten statt (Anmeldung persönlich in der Elisenstraße 13). Im Erzählcafé kann man ohne Anmeldung erscheinen. Es findet jeden montags und donnerstags von 16 bis 18 Uhr und mittwochs von 17 bis 19 Uhr in der Elisenstraße 13 statt.

Kontakt: Rudi Löffelsend (ehemaliger Caritas-Diözesanreferent für Auslandshilfe), „Flüchtlingsdorf Ruhrgebiet“, Caritasverband für die Stadt Essen e.V., Franziska-Schervier-Haus, Niederstraße 12-16, 45141 Essen, Tel. 0201 / 32 003 15, Mobil 0171 / 83 57 187, E-Mail: rudi.loeffelsend@t-online.de, flüchtlingshilfe@caritas-e.de. Weitere Infos unter www.fluechtlingshilfe.com.

Die Flüchtlingsbroschüre der Caritas im Bistum Essen bietet viele praktische Tipps, Adressen und Anregungen für die Arbeit: http://www.caritas-essen.de/cms/contents/caritas-essen.de/medieninhalte/dokumente/broschuere-fluechtli/caritas-fluechtlingshilfe_im_bistum_essen.pdf?d=a&f=pdf

Papst ruft zum Gebet für verfolgte Christen auf: In seiner „Gebetsmeinung für den März 2017“ ruft Papst Franziskus mit einem Video zum Gebet für verfolgte Christen auf. Ihre Zahl schätzt die international agierende evangelikale Organisation Open Doors im Januar auf rund 200 Millionen.

 

Montag, 13.03.2017