Nach dem Kirchentag ist vor dem Kirchentag

von Peter Becker

Samstag, 01.08.2015

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Viel Musik und Kultur gibt es auf jedem Kirchentag.

Wer Großereignisse wie einen Kirchentag plant, der weiß, dass manchmal zwei Jahre Vorbereitung fast ein bisschen wenig sind. Ruckzuck ist die Zeit um. Gut zu wissen, dass es treue Teilnehmer gibt.

Zehntausende besuchen den Deutschen Evangelischen Kirchentag, der immer unter einem bestimmten Motto steht. Sigrid und Peter Becker gehören auch zu den regelmäßigen Besuchern. Das Faszinierende eines Kirchentages sind auch Begegnungen wie diese beim Kirchentag 2003 in Berlin:

"Jesus war ein toller Typ, denn er hatte alle lieb, aus Wasser machte er ja Wein, wer möchte nicht sein Kumpel sein? Aus einem Brot macht er gleich zwei, da ist für jeden eins dabei."

So klang es uns am dritten Tag abends in einer der vielen Berliner U-Bahnen aus dem Munde eines leicht angeheiterten Mannes entgegen, der offensichtlich mit den vielen orangefarbenen Schals nicht so recht etwas anfangen konnte. Und überhaupt: Sprach aus ihm nicht ein Teil der Seele deutscher Geschichte? Sehr treffend war dieser Eindruck in einer Berliner Zeitung formuliert: "Wie kommt Gott in die Stadt der Heiden?"

Ja, 40 Jahre DDR, die sind nun mal da, ob man es gern hat oder nicht! Und weiter ist sicher der in dieser Zeitung formulierte Eindruck richtig, dass die meisten Berliner mit den Kirchentagsbesuchern wenig anfangen konnten. Irgendwie waren sie für sie wie Bewohner eines anderen Sterns. Es fehlte halt die Übung, ja, der Umgang mit gewachsener christlicher Kultur. Und doch: Im Lied des angetrunkenen Mannes war nicht etwa Aggression zu spüren. Nein, es war eher Neugier - so nach dem Motto: "Warum machen die das? Was haben die davon?"

Tja, und dann war da noch das Abschiedsessen mit unserer Gastgeberin und ihrem Lebenspartner. Da erschien er dann, der "Störende", Hausmeister seines Zeichens, tätowiert an allen sichtbaren Stellen, mit Nasen- und Ohrenringen - ganz das, was Vorurteile bestätigt. "Am Schal erkannt", mischte er sich in unsere friedlich christliche Diskussion. Und er erzählte ungefragt, was er so alles getan hatte: Mahnwachen zur Zeit der Mauer, Kirchenasyl zur Zeit des Mauerfalls... alles sehr einfach formuliert, gar nicht intellektuell. Ja, da waren wir - trotz der unangenehmen Berührtheit, die wir verspürten - beschämt. Was hatten wir dagegen aufzuweisen? An diesem Beispiel wurde uns wieder einmal deutlich, dass Christentum doch gerade auch von dieser Basis lebt. "Ein Leib, viele Glieder": das sollte einem täglich bewusst sein.

Summa summarum: Noch nie haben wir bei so vielen Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Kulturen so viel Freude und Toleranz selbst in Stresssituationen erlebt. Und so Gott will und wir leben: wir werden den nächsten Kirchentag gerne wieder mitmachen.

Sigrid und Peter Becker

Samstag, 01.08.2015