Halbzeit in Oberammergau

von Christof Beckmann

Donnerstag, 04.08.2022

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Foto: privat

Irgendwie schon ein Phänomen in diesen Zeiten, oder? Bei dem erstaunlichen Publikumsmagnet werden eine knappe halbe Million Leute erwartet – in Oberammergau. Und wer es gut geplant hatte, konnte jetzt die Ferien gut nutzen …

INFO: Am 19. Juli war Halbzeit bei den 42. Oberammergauer Passionsspielen in Oberammergau, zu denen 2022 rund 450.000 Besucher aus aller Welt erwartet werden. Bisher liegt die Auslastung bei 85 Prozent, besonders hoch ist die Nachfrage nach Karten aus Deutschland. 103 Vorstellungen sind bis zum 2. Oktober 2022 geplant. Rund 2.300 einheimische Laiendarsteller, Sänger und Musiker sind auf der Bühne - fast die Hälfte der Dorfbewohner. Das Passionstheater, noch vor kurzem renoviert, fasst 4.500 Sitzplätze und ist die größte Freiluftbühne mit überdachtem Zuschauerraum weltweit.

Die Spiele gehen auf ein Gelübde aus dem Jahr 1633 im Dreißigjährigen Krieg zurück. Damals starben 84 Menschen während des Dreißigjährigen Krieges an der Pest. Die Einwohner baten Gott, der Krankheit ein Ende zu bereiten und gelobten, alle zehn Jahre die Passion Jesu aufzuführen. Der Überlieferung nach starb danach niemand mehr an der Pest. Zu Pfingsten 1634 fand das erste Passionsspiel statt – dabei gingen die Texte auf die regional weit verbreiteten Passionsspiele aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zurück.

Das in elf Szenen unterteilte fünfstündige Passionsspiel beginnt nachmittags mit dem Einzug in Jerusalem und erzählt die Passionsgeschichte über das Abendmahl hin bis zur Kreuzigung und endet mit der Auferstehung. Am Nachmittag beginnen die Szenen 1 bis 5, der zweite Teil folgt nach einer dreistündigen Pause am Abend mit den Szenen 6 bis 11. Bisher ist es nur zweimal ausgefallen: 1770 ließ Kurfürst Maximilian III. alle Passionsspiele in Bayern verbieten, weil „das größte Geheimnis unserer heiligen Religion nun einmal nicht auf die Schaubühne“ gehöre. Zum Passionsspiel 1920 beschloss der Gemeinderat, die Vorbereitungen für die Passion angesichts der hohen Zahl an Gefallenen des 1. Weltkrieges nicht voranzutreiben, jedoch konnten die Passionsspiele 1922 nachgeholt werden. 1940 verhinderte der Zweite Weltkrieg, dass die Oberammergauer ihrem Gelübde nachkamen.

 Kontakt: Eigenbetrieb Oberammergau Kultur, Ludwig-Thoma-Straße 10, 82487 Oberammergau, Tel. 08822 / 949 88 0, Fax 08822 / 949 88 56, info@passionsspiele-oberammergau.de, Internet: https://www.passionsspiele-oberammergau.de.

Passionsspiele stehen in der Tradition einer alten Frömmigkeitsgeschichte: In der Fastenzeit und besonders in der „Heiligen Woche“ ab Palmsonntag wird das Leiden und Sterben Jesu Christi in besonderer Weise vergegenwärtigt. Eine alte Übung ist der Kreuzweg: Er bezeichnet ursprünglich die Nachahmung der Via Dolorosa (lat. Für „schmerzensreiche Straße”) in Jerusalem als Stationsweg vor Wallfahrtskirchen. Aus dem Heiligen Land zurückgekehrte Pilger legten Nachbildungen der heiligen Orte in ihrer Heimat an. Oftmals übertrugen sie exakt die Länge der Via Dolorosa auf ihren heimischen Kreuzweg. Aus zunächst sieben Stationen bildeten sich bis um 1600 Kreuzwege mit üblicherweise 14 Stationen. Sie zeigten den Weg Jesu von der Verurteilung durch Pontius Pilatus bis zur Kreuzigung und Grablegung. Als Teil der Ausstattung von Kirchenräumen entstand der vierzehnteilige Kreuzwegzyklus gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Die meist an Freitagen stattfindende Kreuzwegandacht ist in der Fastenzeit ein vielfach praktiziertes meditatives Gebet vor den Stationen. Betend gedenken Christen dabei auch der Leidenden unserer Tage, die ungerecht verurteilt, gefoltert und getötet, ihres Lebensunterhalts beraubt oder verspottet werden.

Die üblichen Stationen sind: 1. Jesus wird zum Tode verurteilt. 2. Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern. 3. Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz. 4. Jesus begegnet seiner Mutter. 5. Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen. 6. Veronika reicht Jesus das Schweißtuch. 7. Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz. 8. Jesus begegnet den weinenden Frauen. 9. Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz. 10. Jesus wird seiner Kleider beraubt. 11. Jesus wird ans Kreuz geschlagen. 12. Jesus stirbt am Kreuz. 13. Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt. 14. Der Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt.

Donnerstag, 04.08.2022