Der Scharfschütze

von Christa A. Thiel

Dienstag, 24.03.2015

Scharfschützen
Scharfschützen und ihre Bilder

Chris Kyle gilt als der erfolgreichste Scharfschütze des Irakkriegs. Jetzt wurde seine Autobiografie von Clint Eastwood verfilmt. "American Sniper" - ein Film, der für Gesprächsstoff sorgt.

Einerseits retten seine punktgenauen tödlichen Schüsse unzählige Leben von US-Soldaten auf dem Schlachtfeld. Andererseits hinterlassen die Kriegseinsätze bei ihm deutliche seelisch Spuren. Einem Psychiater erzählt er, wie er von den Männern gejagt wird, die er nicht retten konnte. Der Psychiater rät ihm, sich um Veteranen zu kümmern. Mit einigen dieser Veteranen geht er auch auf den Schießstand. Bei einer solchen Gelegenheit wird er von einem von ihnen erschossen.

Peter Becker hat der Film beeinduckt. Er ist Exleutnant und anerkannter Kriegsdienstverweigerer. Peter Becker schreibt, wie es dazu kam:

Ich war vom 01.04.1963 bis zum 25.03.1965 bei der Bundeswehr, die ich mit dem Dienstgrad Leutnant verließ. 1967, also schon während meines Pädagogikstudiums, leistete ich noch eine Wehrübung ab, eine Pflichtwehrübung. Die Verpflichtung für 2 Jahre entstand, weil ich, wenn ich schon „zum Bund“ musste, wenigstens anständig bezahlt werden wollte. Geld hatten wir in unserer Familie nicht viel, und ich brauchte das Geld der Abfindung für mein anschließendes Studium und den Kauf eines Autos. Dass ich nicht damals schon ein Wehrdienstverweigerungsverfahren angestrebt hatte, lag an der Rolle meines Vaters (Jahrgang 1913): Er meinte, dass „Männer“ zum Militär müssten. Ich selbst hatte da so meine Zweifel, die auch von meiner Mutter geteilt wurden, die mich stark kirchlich geprägt hat, indem ich schon sehr früh in die Gruppen des CVJM ging und mich dort auch heimisch fühlte. Trotz allem „zog ich die Bundeswehrzeit durch“, bei der ich auch viel positive Männer-Kameradschaft kennenlernte. Ich denke rückblickend, dass ich ein guter Soldat und auch ein guter Truppenführer war. Allerdings nicht immer zum Gefallen meiner Vorgesetzen, die mir in einem Zeugnis ein „zu lockeres Auftreten vor der Front“ bescheinigten.

Nach meinem Studium hatte ich natürlich eine Menge Gelegenheit, mich mit verschiedenen „Erziehungsmodellen“ in der Praxis zu beschäftigen. Dabei musste ich schnell feststellen, dass „Befehl und Gehorsam“ in der Pädagogik nicht immer zum Verständnis beitrugen. Kurz und gut: Die für das Militär in seiner Struktur wesentliche „Nichtnachfragtradition“, die ein immenses Vertrauen in einen auszuführenden Befehl und den Befehlsgeber voraussetzt, ging mir völlig verloren. An und für sich war sie nie so ganz richtig bei mir angekommen, denn ich hatte bei vielen Befehlen, die ich ausführen musste, im Nachhinein deren Unsinnigkeit entdeckt, die ich aber nicht „einklagen“ konnte. Das hat mich immer gestört. Von daher war ich wohl doch – auch als Offizier – an der falschen Stelle bei der Bundeswehr. Aus diesem Grunde leistete ich auch keine freiwilligen Wehrübungen mehr ab, die ich natürlich – gut bezahlt – hätte ableisten können, wodurch sich dann auch mein Dienstgrad erhöht hätte. Statt dessen widmete ich mich im Studium u.a. intensiv dem Fach Religion. Der völlige Bruch mit dem Militär kam für mich, als ich nach meiner Heirat bei der Geburt meiner ersten Tochter zugegen war. Das Erlebnis des entstehenden Lebens, das mich zutiefst rührte, brachte mich zu der Erkenntnis, das Leben und dessen Erhaltung das wohl Wichtigste auf diesem Planeten sind! Dass zum Erhalt des Lebens auch dessen Verteidigung gehört, war mir immer klar. Das Leben meiner Familie und Freunde hätte ich auch immer verteidigt – auch mit Gewalt und auch unter Einsatz meines eigenen Lebens. Aber ich wollte nicht Teil eines Systems sein, bei dem mir Befehle gegeben werden, die zur Auslöschung von Leben führen können - Befehle, die ich nicht reflektieren kann. Von daher fühlte ich mich absolut nicht mehr imstande, einer für das Militär notwendigen „Befehls-Gehorsam-Struktur“ dienen zu können. Deshalb entschied ich mich 1983, beim Ausschuss für Kriegsdienstverweigerung in Düsseldorf den Antrag zu stellen, den „Kriegsdienst mit der Waffe zu verweigern“. In einer Sitzung 1984 wurde dem Antrag in einem Anhörungsverfahren stattgegeben. Für mich persönlich bedeutet der Bescheid mehr als jede Ehrenurkunde, die ich in anderer Form bekommen habe: Ich habe ihn gerahmt und aufgehängt.

Dass ich nun „zum Schrecken meiner Frau“ immer wieder in Filme gehe, die sich mit Krieg beschäftigen, hat sicher damit zu tun, dass ich immer noch daran interessiert bin zu erfahren, wie andere Menschen mit der existentiellen Frage nach dem Töten auf Befehl umgehen. Das liegt mir besonders am Herzen, weil ich während meines Studiums 1965 in München in einer amerikanischen Kaserne GIs kennenlernte, die vor ihrem ersten Vietnameinsatz standen. Wir haben nie mehr etwas voneinander gehört, obwohl wir unsere Adressen ausgetauscht hatten.

Folgerichtig nahm ich an Demonstrationen gegen den Einsatz von Truppen in Afghanistan und im Irak mit Schülerinnen und Schülern teil. Richtig oder falsch? Die Frage kann einfach und plakativ sicher nicht beantwortet werden. Vielen gelte ich noch heute als „Weichei“ und „Vaterlandsverräter“. Sie haben nichts verstanden: Ich bin nicht gegen das Militär, ich bin gegen das Töten auf einen Befehl, den ich nicht reflektieren kann! Mit dem Schutz des eigenen Lebens und dem meiner Angehörigen auch mit Gewalt hat das absolut nichts zu tun!

Dienstag, 24.03.2015