Seit 200 Jahren der Hit am Kinderbett

von Reinhard Ellsel

Montag, 26.01.2015

Mond
Er ist nur halb zu sehen und dennoch rund und schön.

Gesten wurde er beerdigt – allerdings vor 200 Jahren - am 25. Januar 1815: Matthias Claudius.

Matthias Claudius starb am 21. Januar 1815. Sein Name ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Unvergessen ist aber sein Werk. Eins seiner Gedichte - "Der Mond ist aufgegangen" - steht bis heute im Evangelischen Gesangbuch. Es hat als Volkslied enorme Berühmtheit im deutschen Sprachraum erlangt. Meist allerdings nur die erste und die letzte Strophe. Dadurch ging das populäre Verständnis dieses Liedes andere Wege als den von Claudius beabsichtigten. Claudius stellt einen hoffnungsvollen Jenseitsbezug her. Einerseits wird beschrieben, was das Leben beschwert. Andererseits darf sich der Mensch bei Gott gut aufgehoben wissen. Das beruhigt und schafft Vertrauen. So sehr, dass das Lied sogar Erwachsenen bei Schlafstörungen helfen soll. Im Rahmen der Bibliotherapie – Heilen durch Lesen – machte der Seelsorger Erwin Anderegg in der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel damit gute Erfahrungen. Populär geblieben ist das Lied als Schlaflied für Kinder. Hier alle sieben Strophen.

Der Mond ist aufgegangen,

Die goldnen Sternlein prangen

Am Himmel hell und klar;

Der Wald steht schwarz und schweiget,

Und aus den Wiesen steiget

Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,

Und in der Dämmrung Hülle

So traulich und so hold!

Als eine stille Kammer,

Wo ihr des Tages Jammer

Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?

Er ist nur halb zu sehen,

Und ist doch rund und schön!

So sind wohl manche Sachen,

Die wir getrost belachen,

Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolzen Menschenkinder

Sind eitel arme Sünder

Und wissen gar nicht viel;

Wir spinnen Luftgespinste

Und suchen viele Künste

Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen,

Auf nichts Vergänglichs trauen,

Nicht Eitelkeit uns freun!

Laß uns einfältig werden

Und vor dir hier auf Erden

Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen

Aus dieser Welt uns nehmen

Durch einen sanften Tod!

Und, wenn du uns genommen,

Laß uns in Himmel kommen,

Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,

In Gottes Namen nieder;

Kalt ist der Abendhauch.

Verschon uns, Gott! mit Strafen,

Und laß uns ruhig schlafen!

Und unsern kranken Nachbar auch!

Montag, 26.01.2015