Alfred und die Drachenboote

von Christof M. Beckmann

Montag, 28.10.2019

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Buchtitel: Rudolf Simek, „Die Geschichte der Normannen. Von Wikingerhäuptlingen zu Königen Siziliens“, Verlag Philipp Reclam, Montage: KiP

Viel hatte er erst nicht zu melden gegen die Plünderer, die aus dem Nebel kamen. Doch König Alfred von England war ein zäher Bursche, genauso wie die Erben der Wikinger, die ihren Beitrag zur Geschichte Europas leisteten – Brexit hin oder her...

INFO: Seit über drei Jahren laufen die Debatten über den Austritt Großbritanniens aus der EU. Im Kampf um den „Brexit“ hatten die 27 bleibenden EU-Länder und die britische Premierministerin Theresa May Mitte April vorerst einen „harten“ Brexit ohne Vertrag abgewendet. Doch vor dem endgültigen Austrittsdatum am Donnerstag, 31. Oktober in London lief ein Kampf um den Aufschub des Aufschubs – und das Publikum taumelt zwischen Aufgeregtheit und Resignation.

Rudolf Simek (65), Professor für Mittelalterliche Deutsche Literatur an der Universität Bonn, findet den Verlauf der Brexit-Debatte zwar ein „Trauerspiel“. Doch der österreichische Philologe und Skandinavist rät mit Blick in die Vergangenheit für mehr Gelassenheit. Für ihn haben der Kontinent und auch die britischen Inseln schon weitaus turbulentere Zeiten überstanden. Wie sehr sich Dinge ändern, zeigen ihm beispielhaft die Normannen, Nachfahren der Wikinger, die Ende des 8. Jahrhunderts aus Skandinavien an die Küsten Europas aufbrachen, sich maßgeblich in die Geschichte der britischen Inseln einmischten, in relativ kurzer Zeit eine erstaunliche Entwicklung nahmen und sich nach Simeks Meinung erheblich kosmopolitischer zeigten als die heutigen „Brexiteers“. Denn die wilden Krieger entwickelten sich zu europäischen Kosmopoliten, landeten in der französischen Normandie und in mehreren Regionen des Mittelmeerraumes, nahmen das Christentum an, wurden vor allem nach 1066 in England sesshaft und prägten in vielfacher Weise für 1000 Jahre das werdende Europa mit.

Vorausgegangen war ein wildes Jahrhundert: Seit dem ersten Überfall auf das englische Benediktinerkloster Lindisfarne 793 und Raubzügen nach Irland schwärmten die schnellen Drachenboote auch nach Flandern und die französische Westküste, auf die friesischen Inseln und das friesische Festland aus. Das nach dem Tod von Karl dem Großen in interne Machtkämpfe verstrickte Frankenreich war den überfallartigen Attacken über die innereuropäischen Flusssysteme nirgendwo gewachsen. Ab den 830er Jahren halten die jährlichen Plünderungsfahrten, die bis nach Spanien führten, ganz Europa in Schrecken: Der Terror reicht von Paris und Hamburg (845) bis zum bedeutenden Eifelkloster Prüm (855), sie brennen ab 859 im ganzen Mittelmeerraum, Russland, in Konstantinopel, Island und Köln, den Niederrhein bis Köln (862) oder Xanten (864) und konzentrieren sich ab 865 vor allem auf die Schaffung fester Basen und Machtgebiete in England, wo sie von den sächsischen Königreichen seitdem regelmäßige Tribute erpressen. Hier treffen sie erst 878 auf den erfolgreichen Widerstand der Truppen von König Alfred (848-26. Oktober 899), der das so genannte „Große Heidnische Heer“ vernichtend im Südwesten Englands schlagen kann.

Alfred der Große, ab 871 König der West-Sachsen (Wessex) und seit 886 der Angelsachsen, sichert nach dem Sieg seine Grenzen durch zahlreiche Befestigungen, erweitert seinen Einfluss auf die anderen englischen Königreiche durch geschickte Heiratspolitik, erreicht eine unangefochtene Stellung, zerschlägt die Wikingerkönigreiche und schafft die Grundlage für eine Vereinigung aller Herrschaftsbereiche im heutigen England. In der Förderung der Kultur, der altenglischen Sprache und Literatur, der Gründung von Klöstern und Schulen sowie der Neuordnung des Rechtssystems folgt er dem Vorbild Karls des Großen. Er selbst erhält diesem Beinamen – als einziger König der englischen Geschichte - erst im 16. Jahrhundert. Auch wenn seine Verehrung nie zu einer offiziellen Heiligsprechung führte, galt seine Grablege im Benediktinerkloster von Hyde Abbey als Grab eines Heiligen.

Normannen auf dem Kontinent: Die besiegten Wikinger setzten sich seit ihren Niederlagen in England nach Kontinentaleuropa ab. Dort verwüsten sie nun große Teile des Frankenreiches von neuen festen Standorten aus: Getroffen werden fast alle bestehenden Städte am Rhein, aber auch Jülich, Aachen und die Klöster Kornelimünster, Stablo und Malmedy in den Ardennen sowie die größte fränkische Abtei Prüm in der Eifel (882). Sie belagern Koblenz und verlegen ihre Raubzüge auf die Mosel, brennen Trier gleich zweimal nieder (882), überfallen Metz und richten ab 883 auch in Duisburg ein festes Lager ein. Erst 891 werden sie vom späteren deutschen Kaiser Arnulf erstmals vernichtend bei Löwen in Belgien geschlagen. Jetzt ziehen sich nach einem letzten ausgedehnten Raubzug am Rhein 892 nach Dänemark und das von ihnen besetzte „Danelag“ in England zurück. Ab 911 sind die ehemaligen Freibeuter und Söldnerbanden unter ihrem Anführer Rollo fest in der „Normandie“ stationiert, die ihnen vom westfränkischen König zum Lehen gegeben und Herzogtum wird.

Jetzt führen Wikingerzüge nach Irland, Grönland und um 1000 nach Nordamerika, die Expansion nach Süden richtet sich auf Sizilien. Unter Wilhelm dem Eroberer setzen die Normannen 1066 aus der Normandie nach England über – dort markiert die Übernahme der Herrschaft das Ende der Sachsenherrschaft, aber auch das Ende der Wikingerzeit: Sie sind Teil der kontinentalen Machtstrukturen, beteiligen sich aktiv an den Kreuzzügen, erfinden das Rittertum, prägen die wirtschaftliche und politische Entwicklung vieler Regionen Europas, fördern das mittelalterliche Klosterleben und den Austausch mit der islamischen Hochkultur, gehen in den Umgebungskulturen auf und haben überall Spuren hinterlassen.

Das Buch: Rudolf Simek, „Die Geschichte der Normannen. Von Wikingerhäuptlingen zu Königen Siziliens“, Verlag Philipp Reclam jun., Ditzingen 2018, 22 Euro.

Unser Gesprächspartner: Prof. Dr. Rudolf Simek, Professor für Ältere Germanistik mit Einschluss des Nordischen an der Universität Bonn, ist Autor zahlreicher Sachbücher und Standardwerke. Kontakt: Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur und Kulturwissenschaft, Abteilung für Skandinavische Sprachen und Literaturen, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Am Hof 1d, 53113 Bonn, Tel. 0228 / 73 39 65, Fax 0228 / 73 74 79, E-Mail: skandinavistik@uni-bonn.de.

Montag, 28.10.2019