Besinnt Euch! Soziallehre 4.0

von Christof Beckmann

Montag, 03.12.2018

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Buchautor Heinrich Wullhorst, Foto: KiP-NRW

Morgen steht Adolph Kolping aus Kerpen auf dem Kalender. Gründer von einem der großen katholischen Sozialverbände. Deshalb wird er überall gefeiert. Auch im Internet, wo alles so schön vernetzt ist. Ein neues Buch fragt, wie man damit am besten umgeht.

INFO: Eine stärkere Beachtung ethischer Fragen in der Informatik, insbesondere beim Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) forderte kürzlich der Vizepräsident der Gesellschaft für Informatik, Alexander von Gernler: „Die Technik muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt“, erklärte er in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 20. November 2018. Sie dürfe nicht Selbstzweck sein, die gesellschaftlichen und ethischen Auswirkungen seien zu wenig im Blick. Dabei könnten ethische Leitlinien sehr hilfreich sein – und genau diese Frage griff der Duisburger Publizist und Journalist Heinrich Wullhorst in seinem aktuellen Buch auf. Unter dem Titel „Soziallehre 4.0 – Wie wir in Zeiten der Digitalisierung menschlich bleiben können“ zeigt er die Auswirkungen der digitale Transformation, die in den kommenden Jahrzehnten zu noch nicht absehbaren dramatischen Veränderungen führen. Fragen nach der Rolle der Mensch als Individuum in einer digitaler werdenden Welt künftig und nach den zentralen gesellschaftspolitischen Herausforderungen zielen dabei vor allem auf die Bedeutung der Katholischen Soziallehre, die sich bereits mit den Folgen der industrielle Revolution auseinandersetzte. Der ehemalige Pressesprecher des Kolpingwerkes Deutschland, heute als Journalist und Kommunikationsberater tätig, stellt in seinem Buch die Grundprinzipien der „katholischen DNA“ vor: Personalität, Subsidiarität, Solidarität, Nachhaltigkeit und Gemeinwohl sind für Wullhorst bleibende Orientierungspunkte einer erfolgreichen Nachkriegsgesellschaft. Wie sehr sie auch für die Gegenwart und Zukunft gelten können, beantworten etwa Lars P. Feld, Klemens Skibicki, Thomas Sternberg, Oskar Lafontaine oder Norbert Mette, Richard Böger, Ulrich Hemel, Marie-Luise Dött, Andreas Finke, Katharina Norpoth und Ursula Nothelle-Wildfeuer.

Das Buch: Heinrich Wullhorst: „Soziallehre 4.0 – Wie wir in Zeiten der Digitalisierung menschlich bleiben können“, 163 Seiten, 14,90 €, Bonifatius Verlag, ISBN 978-3-89710-770-0

Unser Gesprächspartner: Heinrich Wullhorst aus Duisburg-Walsum, lange Jahre Pressesprecher des Deutschen Kolpingwerks. Kontakt: Kettelerstraße 44, 47178 Duisburg, Tel. 0203 / 30 89 49 24, E-Mail: info@wukomm.info, Internet: www.wukomm.info.

Katholische Soziallehre: Die am 15. Mai 1891 in Rom vorgestellte Enzyklika „Rerum novarum“ – „Über die Arbeiterfrage“ des „Arbeiterpapstes“ Leo XIII. (1878-1903) gilt als die „Mutter“ aller kirchlichen Äußerungen zum Thema Arbeit und Gerechtigkeit, Gesellschaft und Staat. Sie ist Grundlage aller seitdem zum Thema erschienenen offiziellen Verlautbarungen der Kirche. Der von vielen Seiten damals angefeindeter päpstliche Standpunkt widersprach sowohl deutlich dem wilden Kapitalismus als auch dem radikalen Sozialismus: Ideologien, Gewalt und Aufstand, so Papst Leo, helfen nicht weiter, wenn es gegen soziale Ungerechtigkeit geht. Denn jeder Mensch habe nach geleisteter Arbeit schon das natürliche Recht auf gerechten Lohn. Revolution sei keine Lösung – gefragt sei eine gute staatliche Sozialpolitik, die dem Gemeinwohl verpflichtet ist. Dazu gehörten auch der Schutz der Menschenwürde, das Recht auf Privateigentum, die Sonntagsruhe, der Schutz der Familie, Überwachung der Arbeitsverhältnisse besonders für Frauen und Kinder, Schutz und Rücksicht auf Wohlergehen, Alter und Geschlecht und vieles mehr, was uns heute selbstverständlich erscheint. Die „Magna Charta“ für die Entwicklung der Katholischen Soziallehre antwortete auf die dramatischen Veränderungen politischer, wirtschaftlicher und sozialer Art, die Entstehung von Klassengesellschaften und die Ohnmacht der Arbeiterschaft. Sie geht einen von Liberalismus und Sozialismus unabhängigen „Dritten Weg“. Der deutsche Text der Enzyklika „Rerum Novarum auf http://theol.uibk.ac.at/leseraum/quelltext/320.html.

Ein Video der Redaktion KiP-NRW erinnerte am 13.05.2016 an die Veröffentlichung der ersten Sozialenzyklika „Rerum novarum" 1891

Auf das Lehrschrieben beziehen sich auch die folgenden Enzykliken „Quadragesimo anno“ von Pius XI. (1931), „Mater et magistra“ von Johannes XXIII. (1961) und „Octogesima adveniens“ von Paul VI. (1971), die jeweils am Jahrestag der Rerum Novarum Sozialenzykliken veröffentlicht wurden. Papst Johannes Paul II. nahm den 90. wie auch den 100. Jahrestag zum Anlass, mit „Laborem exercens“ (1981) und „Centesimus Annus“ (1991) ebenfalls Sozialenzykliken zu veröffentlichen. Papst Benedikt XVI. (2005-2013) legte 2009 unter dem Titel „Caritas in veritate“ (Die Liebe in der Wahrheit) grundsätzliche Feststellungen über die Folgen der Globalisierung und der Wirtschafts- und Finanzkrise für das menschliche Zusammenleben vor und bezog sich stark auf die 1967 erschienene Enzyklika „Populorum progressio“. Die aktuelle erste päpstliche „Umweltenzyklika“, die Papst Franziskus unter dem Namen „Laudato si“ veröffentlichte (2015) gilt als eine „grüne Sozialenzyklika“ und vertritt eine „ganzheitliche Ökologie“ aus der Sicht der Ärmsten. Denn über Umweltschutz, so Papst Franziskus, können man nicht sprechen, ohne soziale Gerechtigkeit, das globale Wirtschaftssystem, die Flüchtlingsproblematik und die Menschenrechte in den Blick zu nehmen. Enzykliken sind als päpstliche Lehrschreiben an die katholische Weltkirche, oft auch an „alle Menschen guten Willens“, also auch an Nichtkatholiken, gerichtet. Die Schreiben beanspruchen ein hohes Maß an Verbindlichkeit, werden in der katholischen Kirche als Ausdruck der obersten Lehrgewalt des Papstes verstanden, sind aber keine unfehlbaren Lehrentscheidungen im dogmatischen Sinn.

Adolph Kolping: Er steht am 4. Dezember auf dem katholischen Heiligenkalender: Der auch als Gesellenvater bezeichnete Priester, Sozialreformer, Publizist und Seelsorger Adolph Kolping. Geboren am 8. Dezember 1813 als Sohn einer Tagelöhnerfamilie in Kerpen, zog der gelernte Schuhmacher selbst zehn Jahre lang als „fahrender Geselle“ von Ort zu Ort. Mit 23 Jahren besuchte Kolping abermals die Schule, machte sein Abitur in Köln und studierte Theologie in München und Bonn. 1845 in Köln zum Priester geweiht, war er zunächst vier Jahre lang als Kaplan in Wuppertal-Elberfeld. 1849 nach Köln versetzt, gründete er dort den ersten katholischen Gesellenverein, um damit jungen Handwerksgesellen Halt und Heimat zu geben. Bis zu seinem Tod am 4. Dezember 1865 widmete er sich ganz dem Aufbau der Kolpingbewegung. Sein Grab befindet sich dort in der Minoritenkirche. Am 27. Oktober 1991 sprach Papst Johannes Paul II. den „Gesellenvater“ selig. Am 4. Dezember steht er auf dem Heiligenkalender. Sein Geburtsort mit der neu konzeptioniert und wiedereröffneten Ausstellung im Kolpingmuseum präsentiert sich offiziell als „Kolpingstadt Kerpen“

Das Kolpingwerk: Mit seinen rund 500.000 Mitgliedern in weltweit etwa 5.800 Kolpingsfamilien zählt das Kolpingwerk mit Sitz in Köln zu den großen Sozialwerken der Katholischen Kirche. Schwerpunkt ist Deutschland mit einer Zahl von 275.000 Mitgliedern - hier sind etwa 26.000 ehrenamtliche Vorstandsmitglieder in 2.700 Kolpingsfamilien tätig. Allein in NRW sind rund 100.000 Mitglieder in 800 Kolpingsfamilien organisiert. Das Kolpingwerk in NRW startete im September 2014 die Aktion „Aktiv gegen religiöse Verfolgung". Zwischen September und November konnten 20.000 Unterschriften für die Kampagne gesammelt werden. Das Kolpingwerk ist neben seinem sozialen und missionarischen Engagement auch in der Politik von großer Bedeutung. Tausende von Abgeordneten wirken in den Parlamenten der Bundesländer, der Städte und Gemeinden, aber auch im Deutschen Bundestag mit.

Die Homepage des Kolpingwerks mit detaillierten Informationen über Aufgaben, Ziele und Leben Adolph Kolpings: www.kolping.de

Montag, 03.12.2018