Flüchtlingsbeauftragter Bistum Münster

von Dr. Christof M. Beckmann

Mittwoch, 01.08.2018

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Helmut Flötotto, Flüchtlingsbeauftragter im Bistum Münster, Bild: Bischöfliche Pressestelle / Anke Lucht

Eine Willkommenskultur scheint kaum mehr mehrheitsfähig zu sein – Helmut Flötotto, Flüchtlingsbeauftragter im Bistum Münster, bedauert die Klimaveränderung. Und doch gibt es weiterhin Menschen, die sich engagieren. Ehrenamtliche bleiben das Rückgrat....

INFO: „Europa versenkt seine humanitären Grundpfeiler“ – dies meint Helmut Flötotto, der Flüchtlingsbeauftragte des Bistums Münster zu den aktuellen Diskussionen. „Die niveaulose Diskussion, die vor allem die Unionsparteien geführt haben, ist unsäglich“, stellt er fest, „in den sozialen Netzwerken wird der Tonfall immer rauer. Man diskutiert abfällig über das Überleben von Menschen.“ Flötotto fordert ein Umdenken von Bundesregierung und Europäischer Union (EU) – und Achtsamkeit von jedem einzelnen. Die deutsche Politik habe aus seiner Sicht geglaubt, durch die Dublin-Verträge der EU sich mit Fluchtursachen nicht auseinandersetzen zu müssen. Doch sei zum anderen Globalisierung keine Einbahnstraße: „Europa schöpft Vorteile durch weltweite Märkte ab, lässt aber Menschen außer Acht, vor allem die, die zu den Verlierern der Globalisierung zählen“, kritisiert Flötotto. „Gerade die Kirche mit ihren internationalen Hilfswerken weiß um die weltweiten Auswirkungen der Globalisierung, die uns in Deutschland oft gar nicht so bewusst sind.“ Vor diesem Hintergrund sei es fatal, dass das Engagement für Flüchtlinge aus dem Jahr 2015 von der Politik nicht aufgegriffen werde. Vielmehr setze man vermehrt auf Abschottung. Große Bedenken habe er gegen „zentrale Flüchtlingslager unter zweifelhafter Leitung“, sagt Flötotto. „Wenn wir Menschen durch die Wüste zurückschicken in ihr Herkunftsland, verlagern wir nur das Sterben, sodass wir es nicht mehr mitbekommen.“ Außerdem werde durch diese Politik das rechte Parteienspektrum gestärkt.

Wie Deutschland sieht der Flüchtlingsbeauftragte die EU in der Pflicht: „Das Grundprinzip Europas, Aushängeschild für Humanität zu sein, wird derzeit über Bord geworfen. Die EU-Mitgliedsstaaten müssen gemeinsam eine Flüchtlingspolitik erarbeiten, deren Kern nicht Abschottung ist, sondern die Schutz und würdige Behandlung bietet und die Mittelmeeranrainerstaaten nicht allein lässt.“ Langfristig müsse die EU faire Handelsbeziehungen zu den Herkunftsländern der Flüchtlinge aufbauen, anstatt etwa Altkleider oder Handelsüberschüsse an afrikanische Staaten zu liefern und so deren Märkte kaputt zu machen. Zudem müsse die zu klein angelegte Entwicklungshilfe, aber auch die Seenotrettung der EU ausgebaut werden: „Das Mittelmeer darf nicht zum Totenmeer werden.“ In dem Zusammenhang lobt Flötotto den Einsatz privater Seenotrettungsorganisationen: Diese hätten eine Lücke gefüllt, weil die europäische Grenzschutzagentur Frontex unzureichend ausgestattet ist. „Sonst wären noch mehr Menschen ertrunken“, befürchtet Flötotto.

Die große Politik sei das eine – für das gesellschaftliche Klima hingegen sind alle Deutschen verantwortlich, so Flötotto. Er rät, „im Sinne der Menschlichkeit Rückgrat zu zeigen, nicht einfachen Parolen oder Schwarz-Weiß-Malerei zu glauben. Denn für so ein komplexes Thema gibt es keine einfachen Lösungen.“ Bei allen Diskussionen solle man sensibel für die Sprache sein. „Wir können vertrauen, dass Deutschland stark genug ist für eine menschenwürdige Aufnahme von Flüchtlingen. Auf die aufgebauten Strukturen dürfen wir stolz sein – daran können wir anknüpfen.“

Unser Gesprächspartner: Helmut Flötotto ist Sozialarbeiter, arbeitete bis 2011 als Geschäftsführer im SKM – Katholischer Verband für Soziale Dienste – in Warendorf und war anschließend Referatsleiter Soziale Arbeit im Diözesancaritasverband Münster. Hier unterstützen Caritas-Fachdienste die Integration von Flüchtlingen und beraten auch die mehr als 100 kirchliche Initiativen mit Tausenden freiwilliger Helferinnen und Helfern. Sie sind engagiert in der Sprachförderung, der beruflichen Integration, Beschaffung von Ausstattung und Kleidung, aber auch aktiv in „Runden Tischen" und als Integrationslotsen. Seit 2016 koordiniert Flötotto als Flüchtlingsbeauftragter des Bistums Münster die Betreuung von Schutzsuchenden, unterstützt Netzwerke und fördert den Austausch unter kirchlichen Gruppen und sozialen Diensten. 2018 stellte das Bistum Münster 380.000 Euro zur Verfügung, um Kirchengemeinden, Verbände und Einrichtungen in ihrem Engagement für Flüchtlinge zu unterstützen. Sie ergänzen die Landesmittel des KOMM AN- Programms. Die Aktivitäten werden begleitet von hauptamtlichen Koordinatoren für die Flüchtlingsarbeit der örtlichen Caritasverbände und des SkF, deren Stellen ebenfalls mit Bistumsmitteln flächendeckend eingerichtet worden sind. Mehr in einer Übersicht über die Aktivitäten der katholischen Kirche im Bistum Münster für die Flüchtlinge.
Kontakt: Helmut Flötotto, Caritasverband für die Diözese Münster e. V., Kardinal-von-Galen-Ring 45, 48149 Münster, Tel. 0251 / 8901-251, Fax 0251 / 8901-4288, E-Mail: floetotto@bistum-muenster.de, https://www.caritas-muenster.de/

Kirche und Migration: Die Katholische Kirche in Deutschland hat in den vergangenen Jahren die Gesamtsumme der finanziellen Mittel für die Flüchtlingshilfe von 73,1 Millionen Euro (2014) auf 112 Millionen Euro (2015), 127,7 Millionen Euro (2016) und 147 Millionen Euro (2017) aufgestockt. Dabei betrugen die finanziellen Sondermittel (Deutschland) 70,8 Millionen Euro (2015), 53,4 Millionen Euro (2016) und 69,4 Millionen Euro (2017). Das hauptamtlich eingesetzte Personal in der Flüchtlingshilfe stieg von 5.100 Mitarbeitern (2015) auf 5.900 (Stand 31.07.2016) und 6.400 Mitarbeiter (2017). Die Zahl der Ehrenamtlichen Helfer ist in den Kirchengemeinden von 100.000 auf rund 63.000 Personen (2017) gesunken.

Alle 27 (Erz-)Bistümer haben spezielle Beauftragte für die Flüchtlingshilfe benannt. Seit 2015 hat der Sonderbeauftragte für Flüchtlingsfragen der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg) Praktiker, Experten und Ehrenamtliche zu inzwischen drei Katholischen Flüchtlingsgipfeln nach Würzburg, Frankfurt und Köln eingeladen, um die Erfahrungen in der kirchlichen Flüchtlingshilfe zu bündeln. Die Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz verabschiedete am 18. Februar 2016 in Kloster Schöntal  „Leitsätze des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge“, die nach zwölf Arbeitsfeldern geordnet die zentralen Aufgaben der (Erz-)Bistümer, Orden, der Caritas und der katholischen Organisationen vorstellen.

Die Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz hat am 16. März 2018 wesentliche Aspekte zum gesamten Themenbereich erörtert: Bei einem Fachgespräch in der Katholischen Akademie in Berlin diskutierten Experten aus Kirche, Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und internationalen Organisationen den Stand des Beratungs- und Verhandlungsprozesses, der im September 2016 beim New Yorker UN-Gipfel zu Flüchtlingen und Migranten begonnen hat. Bis Ende 2018 soll er in zwei Globalen Pakte („Global Compacts“) münden: Hier geht es um sichere, geordnete und reguläre Migration und um Fragen des Flüchtlingsschutzes. Papst Franziskus hat mit der vatikanischen Abteilung für Migranten und Flüchtlinge zu diesem Prozess bereits 2017 hochdifferenzierte „20 Handlungsschwerpunkte“ vorgelegt, die sich vier Maximen orientieren, die der Papst für die Globalen Pakte formuliert hat: „aufnehmen, schützen, fördern, integrieren“. Mehr: https://www.dbk.de/themen/fluechtlingshilfe/. Weitere Informationen zu den Globalen Pakten sind unter migrants-refugees.va und Informationen der Vereinten Nationen zu den beiden Globalen Pakten unter refugeesmigrants.un.org zu finden.

Mittwoch, 01.08.2018