Marion macht sich nichts mehr vor!

von Christa A. Thiel

Mittwoch, 17.12.2014

Marion
Gemeinsam lässt sich vieles schaffen.

Zur Besinnung kommen, seinem Leben eine neue Richtung geben. Das ist Marion in diesem Advent passiert. Ihre Heldentat: Sie hat aufgehört, sich etwas vorzumachen. Christa Thiel erzählt Marions Geschichte.

Nein, sie wird sich nichts mehr vormachen. Vier Jahre lang hat sie das getan, das reicht. „Ich bin die Frau eines Alkoholikers!“ murmelt sie vor sich hin. Da gibt es nichts zu beschönigen. Das ist die Wahrheit. Nun kann sie es sagen. Vorbei die Zeit der Vertuscherei, damit bloß keiner was merkt; vorbei die Ausreden morgens am Telefon: „Nein, mein Mann kann heute nicht  zur Arbeit kommen, er hat sich wohl eine Grippe geholt.“

Sie wollte es anfangs einfach nicht wahrhaben, nur zu gern hat sie seinen Entschuldigungen geglaubt: „Es war doch nur, weil Lothar Geburtstag hatte und noch einen ausgegeben hat. Es soll nicht wieder vorkommen!“

Aber natürlich kam es wieder und wieder vor. Manchmal wäre sie am liebsten weggelaufen, aber wohin? In der Familie wollte sie den Schein aufrechterhalten, zu ihren Freundinnen hatte sie kaum noch Kontakt, die sollten doch nicht merken, dass sie jetzt ständig knapp bei Kasse war.

Vor zwei Tagen dann kam der Anruf. Man hatte ihren Mann bewusstlos auf der Straße gefunden, er war gefallen: Gehirnerschütterung und Alkoholvergiftung.

Erst brach für sie eine Welt zusammen, dann fasste sie Mut, mehr als sie sich je zugetraut hätte. Erst erzählte sie dem Arzt, das mit dem Alkohol sei kein Ausrutscher gewesen. Sie hatte Glück, der nahm sich Zeit und zeigte Verständnis. Dann bestand sie auf einem gemeinsamen Gespräch: der Arzt, ihr Mann und sie. Vor der Aussprache hatte sie Angst. Wie würde er reagieren? Heute war ihr Mann ansprechbar. Was sie jahrelang heruntergeschluckt und verdrängt hatte, heute fand sie Worte dafür. Machen wir uns nichts vor, so kann es nicht weitergehen, du brauchst Hilfe, eine Therapie. Dazu zwingen wollte sie ihn nicht, aber sie machte unmissverständlich klar, sonst müssen wir uns trennen.

Es war, als hätte ihr Mann darauf gewartet, dass sie das sagt: „Du brauchst eine Therapie!“ Der Arzt versprach, sich darum zu kümmern. Als die beiden dann allein waren, nahm ihr Mann ihre Hand: „Weißt du, wenn ich betrunken im Bett lag, dann hatte ich wunderschöne Träume: Ich war der Größte, konnte alles, war beliebt und begehrt. Alles Illusionen. Schluss damit! Die nächsten Monate - mit dem Entzug und der Therapie - werden hart, aber ich will es schaffen. Und wenn du mich noch willst - nach alledem -, dann soll es wohl klappen. Nur eins sollten wir uns versprechen: Wir wollen uns nichts mehr vormachen, uns selber nicht und anderen auch nicht!“

So nah waren sie sich seit Jahren nicht mehr gewesen! "Weihnachten in der Entzugsklinik!" Marion lächelt. "Mal was anderes! Aber immerhin wird der geboren, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist!"

Mittwoch, 17.12.2014