Fromme Migranten

von Christof Beckmann

Montag, 08.07.2019

Platzhalterbild

Eine gute Woche noch, dann sind Ferien. Fernweh ganz spezieller Art gab es aber schon früher – viel früher. Fast ein halbes Jahrhundert lang strömten iroschottische Missionare auf den Kontinent. Und heute steht St. Kilian auf dem Kalender ...

Warum war der irische Präsident Michael D. Higgins mit seiner Frau am Freitag, 5. Juli, auf Blitzbesuch in Würzburg? „Auf Staatsbesuch“, wie das Bistum Würzburg schrieb: Sie haben prominente Landsleute besucht. Von Bischof Franz Jung und mehreren Würzburger Domkapitularen begleitet, ließen sie sich den Kiliansdom und das Neumünster zeigen. Denn in den beiden Kirchen werden die sterblichen Überreste der Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan aufbewahrt, die vor mehr als 1.300 Jahren als Wandermissionare aus Irland kamen.
Eigens für den Präsidenten wurden am Altar im Dom schon vor der Kiliani-Wallfahrtswoche, die erst am Sonntag beginnt, der Schrein mit den Häuptern der drei Märtyrer herausgeholt. Nach gemeinsamem Vaterunser zogen die Besucher zur Universitätsbibliothek, denn die dortige Sonderausstellung „Elfenbein und Ewigkeit“ zum 400-jährigen Bibliotheksjubiläum zeigt 70 Spitzenstücke aus dem sonst verschlossenen Handschriftenbestand der Bibliothek, darunter wichtige Zeugnisse der irischen Kloster- und Buchkultur, etwa eine Abschrift der Paulus-Briefe in altirischer Sprache. Prunkstück der Ausstellung ist das sogenannte Kiliansevangeliar, das dem Frankenapostel Sankt Kilian zugeschrieben wird. Es gilt auch als das „Heilige Buch Frankens“. Auf seinem Einband findet sich ein Elfenbeinrelief mit der Darstellung des Martyriums der Frankenapostel.

INFO: Der 8. Juli ist Gedenktag des Hl. Kilian (Irisch: „Kämpfer“) und seiner Gefährten. Über 100 Kirchen sind nach ihm benannt – bei uns im Land vor allem im östlichen NRW. Geboren wurde er um 640 in Irland und gilt als iro-schottischer Missionsbischof, der um die Wende des 7. zum 8. Jahrhundert die Missionierung in Franken begann. Als Geburtsort gilt das irische Mullagh im County Cavan. Der Legende starb er mit seinen beiden Wegbegleitern Kolonat und Totnan, mit denen er als Frankenapostel verehrt wird, um 689 in Würzburg. An seinem Gedenktag werden die den Märtyrern zugeschriebenen Reliquien aus der Kiliansgruft der Neumünsterkirche durch den Würzburger Bischof in den Kiliansdom überführt. Dort sind im Hauptaltar die Schädel in einem Schrein aus Bergkristall aufbewahrt, der während der acht Tage lang mit Gottesdiensten, Wallfahrten und Aktionen gefeierten Kiliani-Oktav in der Woche um den 8. Juli öffentlich gezeigt wird. Zu dieser Zeit findet auf dem Talavera-Festplatz in Würzburg das Kiliani-Volksfest und auf dem Marktplatz die bis ins Jahr 1030 zurückgehende Kiliani-Verkaufsmesse statt. Heute zählt das Volksfest zu den bedeutendsten Festen in Bayern und ist das größte in Unterfranken mit bis zu 1 Million Besuchern. Mehr: Das Kiliani-Volksfest auf der Website der Stadt Würzburg

Iroschottische Mission: Kilian gehört zu den Wanderbischöfen und Missionaren des 7. Jahrhunderts, die nördlich der Alpen das Christentum verbreiteten. Mit der „Peregrinatio“, dem Verlassen der Heimat um der Mission willen, suchten die Mönche das Martyrium in der Fremde, wo sie als Einsiedler oder in Gemeinschaften lebten. Sie entstammten dem Christentum, das seit der römischen Besatzung der Provinz Britannien entstanden war und seit der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts nach Irland kam. Die strenge Ausbildung in den Klöstern förderte den wachsenden Ruf Irlands als „Insel der Heiligen und Gelehrten“. Ungestört von der Völkerwanderung, wuchs hier mit dem Briten Patricius, dem Hl. Patrick, eine reiche Klosterkultur, die von den örtlichen Clans unterstützt wurde und sich mit hoher expansiver Kraft in Schottland und England bis nach Island und zu den Färöern ausbreitete. Der Hl. Brendan (484-577) soll mit zwölf Gefährten dabei sogar in Amerika gelandet sein.

Unzählige Missionare brachen in zwei großen Wellen vom 6. bis zum 11. Jahrhundert auch auf den Kontinent auf, landeten an den französischen Küsten und kamen bis Galicien, erreichten das Elsass, bereits 563 St. Gallen in der Schweiz, aber auch Österreich und Oberitalien. Sie nahmen dafür Routen entlang der Flüsse, besonders am Rhein entlang, siedelten sich dort in Köln und anderen Orten Süddeutschlands in Schottenklöstern an, gingen aber auch in die undurchdringlichen Landschaften rechts des Rheins. Ab dem 7. Jahrhundert missionierten sie in Hessen und errichteten zur Mitte des 8. Jahrhunderts mit dem hl. Bonifatius in enger Abstimmung mit den Päpsten neue Bistümer und Kirchenstrukturen in Deutschland.
Nur wenige dieser iroschottischen Missionare sind mit Namen bekannt. Als Schlüsselfiguren in unserer Region gelten der Friesenmissionar Willibrord aus Northumbria (658-7. November 739 in Echternach), Lebuin († um 775), der unter den heidnischen Altsachsen predigte, und Suitbert (um 637-713). Der Gründer und erste Abt des Klosters Kaiserswerth bei Düsseldorf missionierte zwischen Ruhr und Lippe, wo gleichzeitig auch die beiden Ewalde am Hellweg und im Münsterland tätig waren. Sie starben als Märtyrer zwischen 691 und 693 bei Aplerbeck in Dortmund, ihre Reliquien wurden nach Köln überführt.

Insgesamt war die Missionstätigkeit in der fränkisch-sächsischen Grenzlage zunächst nur bedingt erfolgreich. Dies änderte sich erst mit der militärischen Unterwerfung der Sachsen durch Karl den Großen, die damit in das fränkische Hoheitsgebiet eingebunden wurden. Der 742 geborene Frankenherrscher, der 771 die Alleinherrschaft übernahm, holte aus Irland und England stammende Mönche und Gelehrte an seinen Hof in Aachen, um die Bildung, Schrift, Verwaltung, Kunst und Kultur zu reformieren. Nach seiner Kaiserkrönung durch Papst Leo im Jahr 800 in Rom beendete er 804 die 30-jährigen Sachsenkriege und ernannte 805 den um 742 in der Gegend von Utrecht geborenen Liudger zum ersten Bischof von Münster. Der aus einem weit verzweigten friesischen Adelsgeschlecht stammende Klostergründer hatte nach Ausbildung und Reisen in York und Italien ausgedehnte Missionsexpeditionen in Friesland und Sachsen unternommen, wird als „Apostel der Friesen und Sachsen“ bezeichnet und als Vollender der angelsächsischen Mission auf dem europäischen Festland angesehen. Er starb am 26. März 809 in Billerbeck und wurde in dem von ihm gegründeten 799 Kloster in Werden an der Ruhr bestattet. Der Mitpatron des Bistums Essen gilt als „internationaler Heiliger“, weil seine Wirkungsgebiete im heutigen Deutschland, den Niederlanden und im flämischen Belgien liegen.

Buchtipp: Lutz E. von Padberg, Christianisierung im Mittelalter. Hrsg. WBG Darmstadt, Lizenzausgabe K. Theiss Verlag Stuttgart, 2006, ISBN 3-8062-2006-9.

Montag, 08.07.2019